Radl-Rambos attackieren Polizeiinspektion

Ismaninger Rundschau vom 27. Juni 2012

So zumindest könnte man die Überschrift des Artikels "Polizeiinspektion Ismaning wehrt sich gegen Radl-Rambos" in der Ismaninger Rundschau vom 27. Juni 2012 interpretieren. Natürlich werden die Polizisten nicht von Radfahrern traktiert. Stattdessen weist PK Rußwurm in diesem Artikel auf die Schwerpunktkontrollen der Polizei hin und ermahnt Fahrradfahrer nachdrücklich zu mehr Umsicht. Aber nicht nur an der Überschrift krankt der Artikel.

Bereits im ersten Absatz muss der Leser stutzen. Es wird darauf hingewiesen, dass sich die von Fahrradfahrern verursachten Verkehrsunfälle im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt hätten. Die Höhe der Ausgangsbasis bleibt aber ungenannt. Somit wird nicht klar, ob die Fahrradfahrer im Vorjahr 1, 5 oder vielleicht 10 Prozent der Unfälle verursacht haben. Zu einem hohen Prozentsatz seien auch Fußgänger beteiligt. Wie hoch der Prozentsatz genau ist, bleibt ebenfalls unerwähnt. Auch absolute Zahlen werden nicht erwähnt. Kamen 1, 5 oder vielleicht 10 durch Fahrradfahrer verursachte Unfälle hinzu?

Der zweite Absatz fährt ähnlich fort und greift nicht auf objektiv bewertbare Fakten zurück – etwa Anzahl der Beschwerden, der Unfälle und Alter der Unfallbeteiligten – sondern stützt sich allem Anschein nach auf subjektive Wahrnehmungen der Beschwerdeführer, zu denen vor allem ältere Menschen und Kinder zu zählen scheinen.

Die Folgeabsätze bis kurz vor Ende des Artikels sind Belehrungen über mögliche Vergehen und deren monetäre Bestrafung. Dabei werden aber immer wieder Ismaninger Besonderheiten außer acht gelassen. Etwa: "Auch sollte man als Radfahrer keine … Gehwege oder Fußgängerzonen befahren …". Viele Gehwege in Ismaning sind aber explizit für Radfahrer freigegeben – genauso der Grünstreifen an der S-Bahn, der zwar keine Fußgängerzone ist, aber durch seinen Charakter durchaus als solche zu betrachten ist. Hier wäre eine deutliche Klärung, wann ein Radfahrer auf der Straße zu fahren hat und wann er etwa auf Gehwege ausweichen darf oder muss, dienlicher gewesen.

Oder auch: "Gleiches gilt, wenn man vorgeschriebene Radwege nicht oder in falscher Richtung benutzt". Radwege in falscher Richtung zu befahren ist tatsächlich ein grassierendes Problem. In Ismaning lassen sich Radwege jedoch kaum in falscher Richtung befahren, denn es gibt so gut wie keine. Zudem existieren Regelausnahmen die besagen, wann ein Radweg benutzt werden muss und wann nicht. Ein klärender Hinweis zur Rechtslage wäre an dieser Stelle für viele Radfahrer sicherlich hilfreich gewesen.

Das Ergebnis der Schwerpunktkontrolle wird im Artikel angesprochen. Aber nur, dass zahlreiche Beanstandungen gegenüber Verkehrsteilnehmern ausgesprochen wurden. Über Art und Umfang und vor allem Empfängertyp schweigt sich der Artikel jedoch aus. Wurde fehlendes Licht an Fahrrädern beanstandet, das Tragen von Sandalen, die Benutzung eines Mobiltelefons oder Musik-Players? Wurde das Befahren falscher Wege beanstandet? Oder wurden gar Autofahrer und Fußgänger ermahnt? Der Leser bekommt unweigerlich den Eindruck, dass bei den Kontrollen zahlreiche Fahrradfahrer ermahnt wurden. Eine klare Aussage fehlt aber.

Lediglich der letzte Absatz des Artikels in der Ismaninger Rundschau ist unumstritten richtig.

Grundsätzlich gilt im Straßenverkehr sich immer rücksichtsvoll gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern zu verhalten. Im Interesse an der Erhaltung der eigenen Gesundheit und die der Mitmenschen ist es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, dass diese Grundregel Beachtung erfährt!

Hinzuzufügen sei lediglich, dass man sich der Schwächen der anderen Verkehrsteilnehmer bewusst sein sollte, etwa tote Winkel, fehlende Knautschzonen oder unmotivierte Richtungswechsel.

Prävention statt Vorverurteilung

So bleibt vom Artikel "Polizeiinspektion Ismaning wehrt sich gegen Radl-Rambos" nur das, was die Überschrift verspricht. Der Eindruck der in letzter Zeit immer stärker gewordenen Vorverurteilung von Fahrradfahrern und deren Darstellung als Radl-Rambos. Betrachtet man die Zahlen in einem Pressebericht der Münchener Polizei vom 27. Juni 2012, stellt sich das aber anders dar. Hier sind PKW-Fahrer deutlich häufiger Verursacher eines Unfalls.

„Fast jeder zweite Schwerverletzte (43 %) bei Verkehrsunfällen im letzten Jahr in München war als Fahrradfahrer unterwegs“, betont Polizeivizepräsident Robert Kopp. In mehr als der Hälfte (56 %) der Fälle waren Fahrradfahrer die Mitverursacher, wobei Pkw-Führer in knapp zwei Drittel (62,7 %) ihrer Unfälle Mitverursacher waren.
Quelle: http://www.polizei.bayern.de/muenchen/verkehr/index.html/154809

Solange Fahrradfahrer nicht in die Verkehrspolitik von Städten und Kommunen integriert werden und konsequent eigenständige Radwege angelegt werden und solange Fahrradfahrer auf Gehwege gezwungen oder dorthin eingeladen werden, solange lassen sich Konfrontationen zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern nicht vollständig verhindern. Auch wenn dies selbstverständlich zu wünschen wäre.

Nur all zu schnell werden Radfahrer aber von Autofahrern und Fußgängern – und nun auch von der Ismaninger Polizei – als die Schuldigen hingestellt. Diese Vorverurteilung schadet einem rücksichtsvollen Miteinander und verhindert es gar.

2 Antworten

  1. Mich würde interessieren was bei einer Umfrage herauskäme, bei denen Autofahrer angeben sollen wieviel Abstand sie beim Überholen zu einem Fahrradfahrer einhalten müssen. Am besten mit zusätzlicher Übung, in der sie den korrekten Abstand von min. 1,5 m einhalten sollen.
    Insbesondere Taxi- und Busfahrer (die es meines Erachtens besser wissen müssten) scheinen mich als Radfahrer besondern gern knapp zu überholen… und auch das Ausbremsen des Radfahrers kurz nach dem Überholen (z.B. um gleich wieder abzubiegen) scheinen sehr beliebt zu sein.

  2. Es ist allgemein bekannt, dass Radwege Fahrradfahrer töten. Zugegeben, das ist eine provokante Aussage, aber die Daten bestätigen diese. Und meine Erfahrungen bestätigen mir, dass die Fahrradfahrer oft diskriminiert werden von Polizei und Politik. Auf der anderen Seite steht, dass natürlich viele Fahrradfahrer sich wie Rambos verhalten. Das kann man nicht akzeptieren und sollte geahndet werden. Aber wann gibt es endlich mal einen Artikel der auch erklärt, dass die Vielfahrer auf dem Rad, sich schon an die Regeln halten? Zumindest ist das meine Erfahrung und auch die derjenigen Vielradler mit denen ich darüber spreche. Ich glaube die Hobbyradler ziehen und Vielradler unnötig runter. Ich weiß, auch das war provokant. Aber in der Übertreibung liegt doch oft die Wahrheit!

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